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Publikation:
15.12.2021

Macht mehr Chinesisch!

Eine Studie zum Schulfach in Deutschland

Chinesisch ist die Sprache mit den meisten mutter­sprachlichen Sprecher:innen der Welt. Infolge der zunehmenden globalen Bedeutung Chinas hält Chinesisch seit einigen Jahrzehnten als Fremdspra­chenfach an deutschen Schulen Einzug. Das ver­gleichsweise junge Schulfach „Chinesisch“ ist aktuell in Deutschland bereits an 121 Schulen in 14 Bundes­ländern als Wahlpflichtfach etabliert – an vielen davon auch als Abiturfach. Gleichzeitig sind grundlegende Fragen zu Inhalten und Lernzielen des Fachs noch ungeklärt. Die vorliegende Studie erhebt über eine Befragung von Chinesisch-Lehrkräften an Schulen zum ersten Mal bundesweit Daten und Erfah­rungen zum Chinesischunterricht, um aus den Ergebnissen Forschungsdesiderate und Handlungs­empfehlungen für Wissenschaft und Bildungspolitik für eine intensivere fachliche Auseinandersetzung mit diesem Schulfach ableiten zu können.

Auf dieser Website können Sie das Executive Summary lesen. Die vollständige Broschüre und die Anlagen finden Sie hier als PDF zum Herunterladen:

Broschüre "Macht mehr Chinesisch!" als PDF (2.2 MB)

Online-Podiumsdiskussion

Donnerstag, 20.01.2022 von 16:00-17:00 Uhr über Zoom

Wir sprechen mit drei Expert:innen über die Ergebnisse der Studie.
Diskutieren Sie mit uns!

  • Andrea Frenzel, Co-Autorin der Studie und Forschungsassistenz bei der Stiftung Wissenschaft und Politik
  • Prof. Andreas Guder, Co-Autor der Studie und Professor für Didaktik des Chinesischen sowie Sprache und Literatur Chinas an der Freien Universität Berlin
  • Dr. Christina Neder, Schulleiterin der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Dortmund und Fachberaterin für Chinesisch an Schulen in Nordrhein-Westfalen

Moderation: Dr. Hue San Do, Bildungsnetzwerk China

Hier geht's zur Anmeldung

Executive Summary

Warum mehr Chinesisch?

China hat in den letzten vier Jahrzehnten seine Stellung als Welt- und Wirtschaftsmacht immer mehr ausgebaut. Auf der politischen Bühne fordert es die USA und Europa heraus, gleichzeitig pflegt es strategische Beziehungen zu Russland, Saudi-Arabien und anderen Ländern. Damit schafft das Reich der Mitte ein Gegengewicht zum westlichen Demokratie- und Wertemodell. Mit der „Neuen Seidenstraßen-Initiative“ demonstriert China eindrucksvoll seine enorme Investitionskraft und zeigt, dass auch die wirtschaftlichen Ziele des Landes langfristig angelegt sind. Auch auf technologischem Gebiet hat China kräftig aufgeholt, sowohl was Innovationskraft als auch Militärtechnologie angeht. Kurz: China ist aus allen Bereichen nicht mehr wegzudenken.
Und trotzdem wird China in unserer Öffentlichkeit immer noch sehr klischeehaft wahrgenommen: Konfuzius, Kalligrafie und Kung-Fu auf der einen Seite – Überwachung, Autokratie und Unterdrückung auf der anderen Seite. Oberflächliche und insbesondere fehlende Informationen führen zu Vorurteilen und Unverständnis. Wie können wir die neue Weltmacht China tiefgreifender verstehen, um auf Augenhöhe mit ihr zu handeln und zu verhandeln und so zu gemeinsam vertretbaren Zielen zu kommen?
Expert:innen, die mittels fundierter Sprachkenntnisse und Landeserfahrungen ein differenziertes Bild von China in der Öffentlichkeit zeichnen können, sind in Deutschland rar. Um China besser einschätzen zu können, benötigen wir mehr Chinesischkenntnisse und mehr Chinawissen in der breiten Masse. Und diese Wissensvermittlung beginnt in den Schulen.

Das Thema China wird in deutschen Schulen nicht zuletzt über die Sprache vermittelt. Das relativ junge Unterrichtsfach Chinesisch hat sich seit den 1990er Jahren zunehmend entwickelt und verbreitet. Immerhin wurde laut Fachverband Chinesisch im Jahr 2020 an 121 weiterführenden Schulen in Deutschland Chinesischunterricht als Wahlpflichtfach angeboten. Nordrhein-Westfalen führt als größtes Bundesland die Liste mit 34 Schulen an, danach folgt Baden-Württemberg mit 13. Überraschend ist, dass in Berlin (12) fast genauso viele Schulen Chinesisch im Curriculum haben wie in ganz Bayern (13). Es gibt aber auch Bundesländer, wo das Wahlpflichtfach Chinesisch noch nicht existiert (Abb. 1).

Es passiert etwas in Deutschland, aber im Vergleich zu Italien und Frankreich eben nur sehr zaghaft. In Frankreich beispielsweise boten bereits im Schuljahr 2015/16 mehr als 660 Schulen Chinesisch als Unterrichtsfach an. Entsprechend hoch ist die Anzahl der Schüler:innen: An die 46.000 lernen Chinesisch in Frankreich, das sind neun Mal so viele wie in Deutschland. Hierzulande stagniert die Zahl der Chinesisch-Lernenden seit einigen Jahren bei ungefähr 5.000.

Weiterführende Schulen in Deutschland mit Chinesischangebot (s. Anlage 0)

Warum ist das so?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Möglicherweise spielt das öffentliche China-Bild eine große Rolle. Das autokratische Auftreten Chinas gegenüber Minderheiten und Dissidenten, auf das sich die deutsche Berichterstattung fokussiert, motiviert weder Eltern noch Schüler:innen, sich eingehender mit Chinesisch zu befassen, noch Schulleitungen, das Fach in das Fächerangebot der Schule aufzunehmen. Auch hält sich hartnäckig ein Mythos der „Unerlernbarkeit“ des Chinesischen.
Das fehlende Angebot am Unterrichtsfach Chinesisch hat aber vor allem strukturelle Ursachen, bei deren Beseitigung insbesondere die Bildungspolitik gefragt ist. Die hier vorliegende Studie zeichnet den Status quo des Chinesischunterrichts in deutschen Schulen nach und benennt die Probleme und Potenziale, um darauf aufbauend Lösungsansätze vorzuschlagen, mithilfe derer Bildungsakteur:innen, Schulleitungen und Lehrende aktiv werden können.

Das Chinesisch-Angebot ist nicht nur je nach Bundesland, sondern auch von Schu­le zu Schule unterschiedlich: Einige weiterführende Schulen bieten Chinesisch ab der 5. oder 6. Klasse bereits als zweite Fremdsprache an, häufiger aber erst ab der 8. oder 9. Klasse als dritte Fremdsprache oder ab der 10. oder 11. Klasse als so genannte spät beginnende bzw. neu einsetzende Fremdsprache. Bereits etablierte Sprachfächer wie Französisch, Spanisch, Latein, Russisch oder Italienisch sind eine starke Konkurrenz mit deutlich höheren Schüler:innenzahlen. Wo Chinesisch noch keinen Platz gefunden hat, können chinabezogene Arbeitsgemeinschaften (AGs), Workshops, Thementage sowie Austauschreisen Interesse am Fach wecken. Unterstützung und Förderung bietet hier unter anderem das Bildungsnetzwerk China.

Ist das Fach einmal an einer Schule etabliert, hat die Unterrichtspraxis ihre eigenen Herausforderungen. Die inhaltlich sehr diversen Rahmenlehrpläne der jeweiligen Bundesländer geben zwar Lernziele vor, doch sind sie teils vage formuliert und eher an den europäischen Sprachen orientiert als an den Spezifika der chinesi­schen Sprache. Und Spezifika gibt es viele im Chinesischen. Die Sprache basiert auf Morphemen und Schriftzeichen, die für Lernende nur mit einer lateinischen Transkription, dem Hanyu Pinyin, lesbar und aussprechbar sind. Dieses Pinyin kann vor allem in den ersten Lernjahren als Hilfsmittel beim Erwerb des gesprochenen Chinesisch dienen, Lernziel ist es aber natürlich auch, die Schriftzeichen aktiv und ohne Pinyin lesen und schreiben zu können.
Um das zu erreichen, benötigen die Lehrkräfte jedoch viel mehr Unterrichts­zeit allein für die Schriftzeichenvermittlung, doch das wird im Curriculum nicht ausreichend berücksichtigt. Auch die Spezifika der digitalen Kommunikation, die im Chinesischen deutlich einfacher ist als das manuelle Schreiben, schlagen sich in den Curricula noch nicht nieder. Digitale Wörterbücher sind in Prüfungen nicht erlaubt, und digitale Unterrichtsangebote basieren meist auf Eigeninitiativen von engagierten Lehrkräften.

In Zukunft benötigt Deutschland auf vielen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Feldern noch mehr Fachleute mit China-Kompetenz.

Warum mehr investieren?

Wenn wir mit China als Wirtschaftspartner und auf der politischen Bühne sachkundig umgehen und ihm differenziert und kompetent begegnen wollen, braucht es einen umfassenden Ansatz – und mehr Einsatz für das Schulfach Chinesisch. Die Sprache ist der Schlüssel zum Verständnis, doch die Erfahrung zeigt auch, dass der Aufwand sie zu lernen oft unterschätzt wird.

I. Unterrichtsstunden
Wenn dem Niveau A2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) vergleichbare Chinesischkenntnisse angestrebt werden, sollten Schüler:innen mindestens 400 Unterrichtsstunden in Chinesisch erhalten – das sind bei drei Schulstunden pro Woche etwa vier Schuljahre. Daher ist es wichtig, früh anzufangen und das Fach Chinesisch konsequent und mit eigenständigen Konzepten in der deutschen Schullandschaft zu beheimaten, als Ausgangsbasis für eine Vertiefung von China-Kompetenz im Erwachsenenleben.

II. Lehrwerke
Das Angebot an Chinesisch-Lehrbüchern und ergänzenden Lernmaterialien ist überschaubar und ist geprägt von in China konzipierten und ins Deutsche übertragenen Lehrwerken. Nur wenige werden im deutschsprachigen Raum entwickelt, da dies viel Aufwand seitens der Autor:innen erfordert. Zudem ist die Herstellung von Chinesisch-Lehrwerken für Verlage aufgrund der geringen Schüler:innenzahl bis dato unrentabel. Das ist wohl auch der Grund, warum Lehrwerke aus China eingeführt werden bzw. auch Lehrbücher aus den europäischen Nachbarländern bisher wenig ins Deutsche übertragen wurden. Hier sind konzertierte bildungspolitische, im Idealfall länderübergreifende Investitionen geboten.

III. Fortbildungen für Lehrkräfte
Neben dem reinen Spracherwerb eignen sich die Schüler:innen im Chinesischunterricht auch soziokulturelles Orientierungswissen an. Es bildet die Grundlage für ein tieferes Verständnis der chinesischen Kultur, der Geschichte, der Menschen und der politischen sowie gesellschaftlichen Diskurse im China des 21. Jahrhunderts. Allerdings können diese Themen im Sprachunterricht bestenfalls angerissen werden. Viele chinabezogene Themen sollten daher in anderen Fächern wie Geschichte, Geografie, Politik oder Religion auf dem Lehrplan stehen, doch zum Teil fehlt den entsprechenden Lehrkräften das nötige Fachwissen und geeignetes Unterrichtsmaterial. Oder sie haben Ressentiments gegenüber China, eben weil kein differenziertes öffentliches China-Bild existiert. Hier können Fortbildungen für Lehrkräfte zu China-Themen Abhilfe schaffen, wie sie etwa von der China- Schul-Akademie Heidelberg angeboten werden. Es lohnt sich, mehr in solche Angebote und deren Sichtbarkeit zu investieren.

IV. Austauschreisen
Schulpartnerschaften und Austauschbegegnungen bilden den Höhepunkt eines jeden Sprachunterrichts. Dass sie die sprachlichen sowie interkulturellen Kompetenzen befeuern und zur Persönlichkeitsbildung der Schüler:innen beitragen,
steht außer Frage. Allerdings können es sich nicht alle Familien leisten, kostspielige Reisen nach China zu finanzieren. So kommt es an einigen Schulen vor, dass Reisen nicht angeboten werden, um soziale Ungleichheiten gar nicht erst zu Tage treten zu lassen. Dabei gibt es von öffentlichen Einrichtungen, Stiftungen und privatwirtschaftlichen Trägern Förderprogramme für Austauschreisen, nur sind sie nicht allen Schulen bekannt. Zudem sind die bürokratischen Hürden zur Beantragung der Gelder oft hoch, was die ohnehin strapazierten Ressourcen der Lehrkräfte und Schulleitungen weiter belastet. Hier könnten vereinfachte Antragsverfahren und mehr Informations- und Beratungsangebote zu Fördermitteln Türen öffnen.

Wir brauchen kompetente Akteur:innen, um China in Zukunft kenntnisreich und sprachgewandt gegenübertreten zu können. Der Weg, sie auszubilden, beginnt in unseren Schulen. Wenn wir hier investieren, wird sich dies auf der weltpolitischen Bühne, im Wissenstransfer und bei wirtschaftlichen Verhandlungen auszahlen. Aber auch die ganz einfachen Begegnungen zwischen Menschen einer globalisierten Welt werden von mehr gegenseitigem Verständnis und Respekt geprägt sein.
Executive Summary mit Handlungsempfehlungen als PDF (2.5 MB)

Handlungsempfehlungen

für den Ausbau von Chinesischunterricht an Schulen

Ansprechpartner:in

Dr. Hue San Do 杜慧珊, Referentin für Wissenstransfer & Vernetzung